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Palm-Stiftung gibt Preisträger bekannt


Preisträger Gui Minhai.

Zum zehnten Mal wird in diesem Jahr der Johann-Philipp-Palm-Preis für Meinungs- und Pressefreiheit verliehen und noch nie gab es so ein hervorragendes Bewerberfeld, wie der Stiftungsratsvorsitzende Professor Ulrich Palm betont. Insgesamt 16 Vorschläge seien eingegangen, davon vier Bewerbervorschläge für Journalisten und Aktivisten aus Europa, drei Bewerbungsvorschläge für besonders mutige Menschen aus China und zum ersten Mal ebenfalls mit dabei waren zwei sogenannte „Fact Finding Platforms“. „In Zeiten von Fake News wird es vermutlich immer wichtiger, dass es Plattformen gibt, die reine Fakten liefern“, so Professor Dr. Palm.
Zwei Stunden tagte am vergangenen Samstag die zwölfköpfige Jury virtuell und sichtete die eingereichten Personen und Organisationen. Intensiv wurde diskutiert. Am Ende fiel die Wahl auf Bushra al-Maktari, die Aktivistin und Buchautorin aus dem Jemen und Gui Minhai, den Buchautor und Verleger aus China.

Bushra al-Maktari

Das Buch von Bushra al-Maktari.„Bushra al-Maktari gibt Opfern eine Stimme“, betont Jurymitglied Oberbürgermeister Matthias Klopfer. Die 41-Jährige berichtet vom Leben und Sterben unter den Luftangriffen und dem Granaten-Beschuss und will daran erinnern, dass es ihr Land und die 2,5 Millionen Binnenflüchtlinge gibt. Sie dokumentiert einzelne, individuelle Schicksale. Sie nennt Namen, zum Beispiel Nasiba, deren kleine Tochter starb, weil sie sie im falschen Moment zum Kartoffeln kaufen schickte. Es sind Geschichten, wie man sie aus jedem Krieg kennt, über den Preis, den die zivilen Opfer zahlen, aus einem Land, von dem wir kaum etwas wissen. Bushra al-Maktari ist unter Lebensgefahr zwei Jahre lang durch ihr Land gereist und hat Gespräche mit über 400 Überlebenden geführt. Sie hat sie gefragt nach dem Verlust ihrer Angehörigen, ihrer Eltern, ihrer Kinder. Und sie hat gefragt nach dem Alltag im Krieg. Über 40 Protokolle sind daraus entstanden für das Buch „Was hast du hinter dir gelassen?“ Einzelne Kapitel davon wurden von der Schweizer Nahost-Korrespondentin der „Neuen Züricher Zeitung“ Monika Bolliger übersetzt. „Ich freue mich sehr, dass Bushra al-Maktari den Preis bekommt. „Sie hat Unglaubliches geleistet und das unter schwierigsten Bedingungen“, sagt Bollinger. OB Klopfer hofft, dass Bushra al-Maktari den Preis persönlich entgegennehmen kann, was sich unter den aktuellen Corona-Beschränkungen noch schwieriger gestalten wird, als ohnehin schon.

Gui Minhai

Gui Minhai wurde 1964 in der ost-chinesischen Stadt Ningbo (südlich von Shanghai) geboren und zog mit 17 Jahren nach Peking, um Geschichte zu studieren. Dort begann er, erste Gedichte zu schreiben. 1988 ging er für ein weiterführendes Studium nach Göteborg. Im Zuge des Massakers auf dem Tiananmen Platz erhielt er 1989 eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis. Seit 1992 ist Gui Minhai schwedischer Staatsbürger. Nachdem er zwischenzeitlich wieder fünf Jahre in China lebte, zog Gui 2004 nach Deutschland, um als freier Autor von Büchern über die chinesische Regierung und als Verleger zu arbeiten. Er wurde Mitglied des Independent Chinese PEN Centre und beteiligte sich aktiv an ihren Kampagnen für Meinungsfreiheit in China. Aufgrund dieser Aktivitäten wurde Gui Minhai 2008 die Einreise verwehrt, als er seine Familie in China besuchen wollte. Vier Jahre später gründete er in Hongkong einen Verlag, der sich auf die Politik der Kommunistischen Partei Chinas und auf das Privatleben führender chinesischer Politiker spezialisierte. Gui Minhai wurde aufgrund seiner Aktivitäten von chinesischen Beamten mehrmals verschleppt und ins Gefägnis gesteckt. Am 20. Januar 2018 saß er gemeinsam mit zwei Mitarbeitern des schwedischen Konsulats im Zug auf dem Weg zur schwedischen Botschaft nach Peking, als zehn chinesische Beamte in Zivil das Abteil stürmten und ihn abführten. Am 10. Februar 2020 gab Gui, flankiert von chinesischen Polizeibeamten, eine Pressekonferenz, in der er sagte, dass er in Zukunft in China bleiben wolle. Das war das letzte Mal, dass die Öffentlichkeit und seine Familie Gui Minhai gesehen beziehungsweise von ihm gehört haben. Man vermutet, dass er in einem Gefängnis nahe Ningbo sitzt. Ein schwedischer Arzt, der ihn besuchen durfte, hat festgestellt, dass er unter einer schweren Nervenkrankheit leidet – wahrscheinlich ein Resultat seiner Haftbedingungen.

„Es gibt ganz viele Parallelen zum Lebenslauf von Johann Philipp Palm“, sagt Professor Palm. „Beide arbeiteten als Buchhändler, beide lehnten sich gegen die große Macht auf und wurden deshalb verhaftet.“

Preisverleihung

Anstelle von Gui Minhai wird vermutlich dessen Tochter den Preis entgegennehmen. Die Preisverleihung soll wie geplant im Dezember stattfinden, sofern dies aufgrund avon Corona möglich ist.

Die Preisträger erhalten ein Preisgeld von 20.000 Euro. Der Johann-Philipp-Palm-Preis wird alle zwei Jahre verliehen. Zu den bekanntesten Preisträgerinnen zählt Seyran Ates, Juristin, Frauenrechtlerin, Publizistin und Moscheegründerin aus Berlin, die 2008 ausgezeichnet wurde. Im Jahr 2018 wurden Stefica Galic, Menschenrechtsaktivistin, Fotografin und Journalistin aus Bosnien sowie Josephine Achiro Fortelo Olum, Radiojournalistin und Medienaktivistin aus dem Südsudan gekürt.

Die Stadt Schorndorf ist seit über 20 Jahren Kooperationspartner der Johann-Philipp-Palm-Stiftung, die 1995 gegründet wurde. Die Initiative und das Vereinsvermögen stammen von dem Schorndorfer Ehepaar Dr. med. Maria und Johann Philipp Palm. Unter anderem setzt sich die Stiftung in den Bereichen Bildung und Erziehung, Jugend und Sport, Denkmalschutz und Heimatpflege sowie Demokratieförderung und bürgerschaftliches Engagement ein.