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Ohne Erinnerung gibt es keine Freundschaft


Die Stolpersteine der Familie Guttenberger.

„Warum machen wir überhaupt noch Gedenkfeiern?“, fragt Markus Wasserfall, Schulleiter des Max-Planck-Gymnasiums, zu Beginn des um einen Tag vorverlegten Gedächtnistages anlässlich der Reichspogromnacht. Die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 markiert den Übergang von der Diskriminierung der deutschen Juden seit 1933 zur systematischen Verfolgung, die knapp drei Jahre später in den Holocaust mündete. Allein in dieser Nacht wurden 400 Juden ermordet.

Es ist eine besondere Veranstaltung an diesem 8. November 2019 in der Barbara-Künkelin-Halle. „Sechs Millionen Juden wurden während der NS-Zeit getötet“, erklärt Wasserfall den etwa 330 Schülern im Saal. „Und erst vor kurzem gab es in Halle einen Anschlag auf eine Synagoge und in Dresden wurde der Nazi-Notstand ausgerufen. Wir waren der Ansicht, wir müssten ein Zeichen setzen. Vermitteln, was damals passiert ist.“ Und das ginge am besten mit den Worten von Zeitzeugen, so der Schulleiter.

Oron Haim (links) und David Holinstat beantworten Fragen zum Judentum.Darum haben das Max-Planck-Gymnasium, die Gemeinschaftsschule Rainbrunnen und die Gottlieb-Daimler-Realschule gemeinsam diese Veranstaltung organisiert. Hauptredner ist Professor Dr. Reinhold Boschki von der Universität Tübingen. Er liest aus dem autobiografischen Buch „Die Nacht“ von Elie Wiesel, einem Überlebenden des Konzentrationslagers Auschwitz.

Bevor Boschki ans Rednerpult tritt, spielt Annika Wenningmann aus der Klassenstufe 1 des MPG die Titelmelodie von „Schindlers Liste“. In dem Film geht es um Oskar Schindler, der während des Zweiten Weltkriegs etwa 1.200 Juden vor dem Tod rettete. Es ist ein trauriges Lied, das den Saal zum Schweigen bringt. Die herzergreifende Melodie passt zu der Geschichte, die folgt.

Die Kindheit von Elie Wiesel ist gezeichnet von nicht nachvollziehbarem Leid. Nach Jahren der Diskriminierung wird er mit sechzehn ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Zusammen mit seiner Familie, die ihm dort einer nach dem anderen genommen wird. Die Erzählungen Wiesels sind erschütternd, der Holocaust aus den Augen eines jungen Mannes hinterlassen Narben auf der Seele. Elie Wiesel überlebt die Hölle auf Erden und widmet fortan sein Leben dem Kampf gegen die Ungerechtigkeit und die Gleichgültigkeit. Gleichgültigkeit nennt er eine Gefahr, ein Übel. „Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit“, schreibt er. „Das Gegenteil von Erinnerung ist nicht Vergessen, sondern wiederum Gleichgültigkeit.“ Gemeint ist die Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal Anderer. 1986 erhält er den Friedensnobelpreis für seine Vorbildfunktion im Kampf gegen Gewalt, Unterdrückung und Rassismus. Zweimal spricht er vor deutschen Studenten. Er hämmert ihnen ein, ihre Leidenschaft nicht zu verlieren, sich gegen Hass einzusetzen. „Die Vergangenheit kann man nicht mehr verändern, aber die Zukunft kann man gestalten.“ Trotz allen Leids, das das deutsche Volk ihm angetan hat, sagt er den Studenten: „Ich habe Vertrauen in euch.“

Nach den erschütternden Erzählungen Elie Wiesels geht es dann etwas lockerer weiter. Zwei jüdische Gäste sind da, um den Schorndorfer Schülern ihre Fragen zu beantworten. Denn viele der Jugendlichen hatten noch nie Kontakt zu einem Juden. Und da durch Unwissen Vorurteile entstehen, haben es sich Oron Haim und David Holinstat von der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg zur Aufgabe gemacht, diese aus der Welt zu räumen. Normalerweise besuchen sie jedoch Klassen mit zwanzig bis dreißig Schülern. „Das ist etwas anders heute“, stellt Holinstat mit Blick auf die riesige Menschenmenge scherzhaft fest. Der amerikanische Informatiker lebt seit dreißig Jahren in Deutschland. Haim ist noch nicht so lange in hier. Der Israeli studiert Soziale Arbeit an der DHBW. Bevor die Schüler ihre Fragen zum Judentum aufschreiben, ermutigt er sie, wirklich alles zu fragen. „Es gibt keine Tabuthemen.“

Die Fragen behandeln dann auch schwierige Themen wie Homosexualität im Judentum und Rassismus aber auch alltägliche Dinge wie Probleme beim Einkauf und Lebenspartner mit anderen Religionen. Auch wenn die beiden Männer ein größtenteils positives Weltbild haben, merkt man doch, dass sie verunsichert sind. Eine Schülerin fragt, wie sie sich gefühlt haben, als sie vom Anschlag in Halle hörten. Schockiert und ängstlich hätten sie sich gefühlt, erzählen Holinstat und Haim. Bei dem Anschlag nur einen Monat zuvor versuchte ein Rechtsextremist, Juden in ihrer Synagoge zu ermorden. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass David Holinstat etwas zynisch „Früher?“ zurückfragt, als eine andere Schülerin von den beiden wissen will, wie es sich anfühle, dass ihre Religion früher gehasst wurde. 2016 ist Elie Wiesel verstorben, sein Leben lang hat er gegen die Hetze und für die Erinnerungskultur gekämpft. Doch der Kampf ist nicht vorbei. Das weiß auch Oberbürgermeister Matthias Klopfer und sagt diesem Kampf die stetige Unterstützung der Stadt Schorndorf zu.

Zum Abschluss der Veranstaltung nehmen sich die Schüler kleine Steine und gehen damit zu den Stolpersteinen in der Römmelgasse. Die Stolpersteine erinnern an die Familie Guttenberger, die im Konzentrationslager Auschwitz ermordet wurde. In der jüdischen Tradition legt man auf Grabsteine kleine Steinchen als Zeichen, dass man an die verstorbene Person denkt. Trotz Regens machen sich viele der Schüler auf und setzen ihr Zeichen der Erinnerung an der Gedenkstätte. Denn „alles, was uns ausmacht, beruht auf Erinnerung“, wie Reinhold Boschki zu Beginn seines Vortrags meint. „Ohne Erinnerung gibt es keine Freundschaft.“