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Orte des Gedenkens


OB Matthias Klopfer und sein Tuller Amtskollege Bernard Combes legen am Mahnmal in Tulle ein Blumengesteck nieder.

Die ehemalige Hauptstraße des Dorfs Oradour-sur-Glane. Heute sind die Ruinen Mahnmal für die Verbrechen des Nationalsozialismus.Nur eine Woche nach den großen Feierlichkeiten anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Städtepartnerschaft zwischen Schorndorf und der französischen Partnergemeinde, reiste eine kleine Schorndorfer Delegation in das 950 km entfernte Tulle. Der Grund der Reise war kein fröhlicher, dafür aber ein umso bedeutender: die Teilnahme an den 75. Gedenkfeiern anlässlich der Massaker durch das Nazi-Regime am 9. und 10. Juni 1944 in Tulle und Oradour-sur-Glane. Oberbürgermeister Matthias Klopfer nahm bereits zum dritten Mal an den Gedenkfeiern und Schweigemärschen teil. Dieses Mal in Begleitung von Landrat Dr. Richard Sigel und Vertretern des Schorndorfer Gemeinderats, der Verwaltung und des Partnerschaftsvereins. Er betonte dabei, dass das gemeinsame Erinnern an die furchtbaren Verbrechen des Zweiten Weltkriegs und das gemeinsame Mahnen eine Pflicht als vereinte Europäer, deutsch-französische Freunde und Verbündete sei. „Die deutsch-französische Geschichte und die Versöhnung sind dabei das Besondere an der Partnerschaft unserer beiden Kommunen. Solche grausamen Taten dürfen nie wieder passieren“, sagte Klopfer.

Erinnerungskultur

Am Morgen des 9. Junis 1944 durchkämmten SS-Leute die Gemeinde Tulle und holten Männer zwischen 16 und 60 Jahren aus ihren Häusern. Sie versammelten diese vor der Waffenfabrik im Viertel Souilhac. Nach endlosen und mehrfachen Selektionen wurden schließlich 99 Personen zwischen 17 und 45 Jahren nach willkürlichen Kriterien an Straßenlaternen und Balkonen in Tulle erhängt. 149 Männer wurden in Todeslager deportiert, 101 von ihnen sind nicht zurückgekehrt.

Die Gedenkfeierlichkeiten haben sich in diesem Jahr über drei Tage verteilt. Am Freitag, den 7. Juni, fanden die Zeremonien mit den Tuller Schülerinnen und Schülern statt. Am Samstag, den 8. Juni, begann das Gedenken an einer Stele am Bahnhofsvorplatz. 1944 kamen dort die SS-Kolonnen an. Zahlreiche Personen aus Tulle und Umgebung sowie Fahnenträger und ein Blasorchester hatten sich dort versammelt, um den 18 exekutierten Bahnwärtern zu gedenken. Weitere Stelen und Gedenkstätten in Tulle wurden mit einem Bus angefahren. Schließlich kamen alle Teilnehmenden auf dem Friedhof Puy St. Clair zusammen. Der auf einem Hügel über der Stadt thronende Friedhof beherbergt auch den Militärfriedhof, wo erneut Blumengestecke niedergelegt wurden. Am 9. Juni wurde sich erneut in der Nähe des Bahnhofs am Place Smolensk versammelt. Dort startete der Schweigemarsch, an dem auch der ehemalige Präsident und ehemalige Tuller Bürgermeister François Hollande teilnahm.

Rund zwei Kilometer lang marschierten die an dem Schweigemarsch Teilnehmenden von Stele zu Stele an den Häusern, Balkonen und Straßenlaternen vorbei, an denen 1944 die 99 Männer von der Division ‘Das Reich’ erhängt wurden. Blumengestecke zierten nun während den Zeremonien diese Orte des Grauens. Dort, wo einst die Leichen der Erhängten auf einen Abfallhaufen geworfen wurden, erinnert heute die Gedenkstätte Mémorial de Cueille, Champ des Martyrs de Tulle an die Morde durch die SS-Truppe, an die Hintergründe, den Ablauf und die Opfer. Eine Tafel ist den 99 Erhängten gewidmet, auf fünf weiteren Tafeln sind die Namen der 101 Deportierten und bei Zwangsarbeit Umgekommenen, verzeichnet. Gemeinsam mit dem Tuller Bürgermeister Bernard Combes legte Oberbürgermeister Klopfer am Mahnmal ein Blumengesteck nieder. Der letzte Überlebende des Massakers vom 9. Juni 1944, Jean Viacroze, ist im vergangenen Februar im Alter von 102 Jahren verstorben.

Ein Dorf ist Mahnmal

An diesem Balkon wurden Männer erhängt.Am 10. Juni 1944 hatten die rund 200 Soldaten des Waffen-SS-Panzerregiments in dem 100 Kilometer nord-westlich von Tulle entfernten, im Departement Haute-Vienne gelegenen Dorf 642 Männer, Frauen und Kinder aufs Brutalste massakriert und verbrannt. Das ganze Dorf wurde dabei geplündert und zerstört. Geblieben sind Trümmer, Ruinen und ein einziger Baum, der heute „Baum der Freiheit“ genannt wird. Oradour ist zum Ort nicht endender Trauer geworden.

Am 10. Juni 1947 legte der französische Präsident Vincent Auriol den Grundstein des neuen Ortes Oradour. Die Baumaßnahmen fanden 1953 ihren Abschluss. Das neue Oradour wirkt wie ein Modell. Ein Symbol für den Wiederaufbau nach dem Krieg. Seit 1953 werden von der nationalen Vereinigung der Märtyrerfamilien und der Stadtverwaltung Oradour-sur-Glane Gedächtnisfeiern veranstaltet. Zunächst sah das Protokoll nicht vor, dass staatliche Vertreter zu den Gedenkfeiern eingeladen wurden. Ausgeschlossen wurde auch jegliche Rede. Erst nach 1974 wurden Vertreter außerhalb des Departements zu den Zeremonien eingeladen.

Wer zum ersten Mal nach Oradour fährt, sieht bereits aus dem Auto die Ruinen und die triste Kulisse. Wie zum Schutz befindet sich die neue Kirche und davor das Gedächtniszentrum „Centre de la Memoire“ vor dem in den 1950er Jahren neu aufgebauten Ortskern Oradours. Die Schorndorfer Delegation besuchte das Gedächtniszentrum. Dort wurden die Massaker und die Verbrechen des Nationalsozialismus detailliert aufgearbeitet und dokumentiert. Die Ausstellung endet mit einem dunklen Raum, der den Besuchern die Möglichkeit bietet, zur Ruhe zu kommen. Verlässt man den einen Flügel des Gedächtniszentrums, steht man inmitten der Ruinen, einer furchtbaren Szenerie. Die Straßenbahnschienen verliefen mitten durch den kleinen Ort. An der Hauptstraße reihten sich die Geschäfte, Metzgereien, Werkstätten aneinander. Mauerreste und Backsteine lassen erahnen, wie malerisch schön das Dorf einmal war. Zwischen den Trümmern finden sich noch verrostete Bettgestelle, Nähmaschinen, Autowracks.

Nach einer Messe in der neuen Kirche fanden sich tausende Menschen vor dem neuen Rathaus ein, um an den Schweigemärschen teilzunehmen.

Die französische Verteidigungsministerin Geneviève Darieussecq und Oradours Bürgermeister Philippe Lacroix wiesen in ihren Reden auf die einzigartige Bedeutung des Ortes für die Erinnerungskultur und Geschichte hin. „Wir müssen diesen Ort für die Jugend und nachfolgenden Generationen bewahren, damit so etwas nie wieder geschieht.“ Schweigend zogen die zahlreichen Schülerinnen und Schüler, Fahnenträger, offiziellen und politischen Vertreter und alle an der Zeremonie in Oradour-sur-Glane teilnehmenden Menschen zu den verschiedenen Gedenkstätten im neuen Ort und später durch die Ruinenstadt. Auch in der zerstörten Kirche, in der die 246 Frauen und 207 Kinder des Dorfes getötet wurden, legten die offiziellen Vertreter Blumengestecke vor dem Altar nieder.

Ein Leben lang erinnern

Robert Hébras steht vor dem alten Friedhof, der als Gedenkstätte dient. Er blickt auf die Ruinen, und eine Menschenmasse bildet einen Kreis um ihn. Im Hintergrund steht ein verbranntes Autowrack. Erschöpft sprach der 93-jährige, letzte Überlebende und Zeitzeuge zu den Menschen. Sein Leben lang erinnert und mahnt er, dass so eine Grausamkeit nie wieder passieren darf. Er ruft die Menschen dazu auf, in Frieden und Demokratie zu leben. Während Hébras spricht, behält er seine Uhr ganz genau im Blick. Es ist kurz vor 17 Uhr. Er durchlebt den Moment, in dem sein ganzes Dorf ausgelöscht wurde zum 75. Mal. Er verabschiedet sich mit den Worten „bis zum nächsten Mal. Vielleicht.“ Kaum echte Blumen, dafür viele Granittäfelchen und Grabsteine mit Fotos und Portraits zieren die in Stein gefassten Gräber. Auf den einzelnen Schildern stehen die Namen ganzer Familien. Alle wurden sie an einem Tag ermordert. Von der 4-jährigen Enkelin bis zum 72-jährigen Großvater.

Freunde und Verbündete

Empfang in der Präfektur in Tulle.Trotz emotionaler und trauriger Momente erlebte die Schorndorfer Delegation auch freudige und schöne Momente mit ihren französischen Freunden. So lud der Präfekt der Corrèze in die Präfektur, ein kleines Schlösschen im Baustil des 17. Jahrhunderts ein. „Dank Ihrer Anwesenheit bekräftigen wir gmeinsam als Demokraten die Ablehnung von Totalitarismus, Unterdrückung und Terror“, so der Präfekt Frédéric Veau. Auch François Hollande betonte, dass Europa der richtige Weg sei. Denn Europa bedeute mittlerweile bereits 75 Jahre Frieden und die deutsch-französische Freundschaft sei ein Gewinn für alle.

Die Mitglieder des Tuller und Schorndorfer Partnerschaftsvereins leben eben diese Freundschaft. Das Engagement und die Freunschaft soll auch noch viele Generationen lang weiterbestehen. Gut, dass sich der junge Student Yoann Surdol aus Tulle für den Austausch der Jugendlichen in den Gemeinden einsetzen will. Gemeinsam mit der Tanzgruppe „Les Falots Corrèziens“ organisierten die Tuller einen fröhlichen Abend für ihre Gäste, denn zur Partnerschaft gehört nicht nur das gemeinsame Gedenken, sondern auch das gemeinsame Feiern. Der nächste Besuch in Tulle steht schon fest. Mitte Oktober finden in Tulle die Feierlichkeiten zum 50-jährigen Jubiläum statt.