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Fühlend sich ein Bild machen


Das Tastmodell für Blinde und Sehende hat seinen Platz auf dem Kirchplatz.

Die Schorndorfer Weiber werden 70 Jahre alt und was tun sie? Sie schenken der Stadt etwas. Ein Tastmodell für Blinde und Sehende, „ein wunderbares Geschenk“, wie es Oberbürgermeister Matthias Klopfer nannte, bevor er sich bei den Schorndorfer Weibern am vergangenen Samstag bedankte. Es ist ein Geschenk für alle Menschen, die am Kirchplatz vorbeikommen und sich hier der Stadt auf ganz besondere Art nähern können. Am richtigen Platz steht das Modell: zwischen Stadtmuseum und Kirche, auf dem Kirchplatz, der einst ein Friedhof war. Auf einem Platz, „von dem manche sagen, er sei der schönste in Schorndorf“, so Pfarrerin Dorothee Eisrich bei der Einweihung des Tastmodells.

Modell im Maßstab von 1:750

Erste Erfahrungen mit dem Modell aus Bronze. Das Tastmodell ist beileibe nicht nur ein Geschenk für Menschen mit Sehbehinderung und für blinde Menschen. Für sie eröffnet es den „Blick“, den Sehende dann haben, wenn sie sich zum Beispiel auf den Kirchturm begeben und herunterschauen, oder wenn sie auf dem Marktplatz stehen und das große Rathaus in Nachbarschaft zum kleinen Fachwerkhaus sehen. Sehenden erschließt sich so die Dimension einer Stadt, ihre Proportionen, und sie erhalten ein Gefühl für den Raum. Blinde und sehbehinderte Menschen brauchen für dieses Gefühl, diesen Überblick, einen anderen Sinn und so bildet das Tastmodell die Altstadt Schorndorfs in einem Maßstab von 1:750 ab. Und fühlend „sieht“ man, wie groß die Kirche im Gegensatz zu den benachbarten Häusern, wie weit der obere Marktplatz und wie eng manche ihn umgebende Gasse ist. Für die Sehenden ist es ebenso ein außerordentlicher Gewinn, einen Sinn zu benutzen, der nicht zuletzt auch in einer Zeit des raschen Hinwegwischens über oft viel zu glatte Oberflächen droht zu verkümmern.

Die Schorndorfer Weiber haben der Stadt schon viel Gutes getan. Oberbürgermeister Matthias Klopfer konnte nur einen Teil der guten Werke aufzählen, mit denen die Frauen um Christel Riedel in der Stadt wirken. Ihr Engagement reicht von karitativen Projekten über Heimatpflege bis zur Kunst. Darunter fallen das offene Bücherregal, der Barbara-Künkelin-Preis, Parkbänke, Spenden für Schulen, das Krankenhaus und die Erlacher Höhe. „Schorndorf wäre keine so wunderbare Stadt ohne die Schorndorfer Weiber“, so Klopfer.
Die Vorsitzende Christel Riedel erzählte in ihrer Rede, wie die Idee zum Tastmodell kam. Wie man sich zuerst überlegte, vielleicht die Schorndorf Weiber als Skulptur der Stadt zu schenken. Wäre sicher auch sehr hübsch geworden, freilich, die Schorndorfer Weiber gibt es ja leibhaftig und sehr lebendig. Immerhin sind’s 50 an der Zahl, so dass die Idee des Tastmodells doch eine bessere war.

Der Künstler Egbert Broerken aus der Nähe von Soest in Westfalen war schnell gefunden, ist er doch für seine Tastmodelle mittlerweile weltweit gefragt. Viel Ausdauer war von den Schorndorfer Weibern gefragt beim Sammeln des nicht unbeträchtlichen Kapitals. Fünfstellig sei die Zahl, so erfuhr man, und weil die Weiber nicht nur für dieses Tastmodell Geld sammeln wollten, sondern auch weiterhin andere Projekte unterstützen, hieß das schlicht viel Arbeit für die schaffigen Weiber. Aber davor scheuen sie ja nicht zurück und jetzt steht es also auf seinem Platz: ein nierenförmiger Ausschnitt der Altstadt im Maßstab 1:750, 1,25 Meter lang und 85 Zentimeter breit. Das Modell ist aus Bronze, es steht auf einem Sockel aus Elbsandstein aus Pirna bei Dresden.

Und das Allerschönste erwähnte Christel Riedel in einem Nebensatz: Je mehr man das Modell befühlt und betastet, desto mehr beginnt es zu glänzen. „Mit der Zeit werden all jene Gebäude, die häufig angefasst werden, golden erglänzen.“

Ein schöneres Bild gibt es wohl kaum für das, was passiert, wenn Menschen sich für die Stadt interessieren - mit allen Sinnen.