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Reallabor-Projekt erfolgreich zu Ende gegangen


Noch bis Mitte Februar ist die Ausstellung rund um Mobilität im Rathaus am Marktplatz zu sehen.

Die Freude über den erfolgreichen Abschluss eines erfolgreichen Projekts ist bei den Beteiligten groß: Dr. Peter Zaar, Verkehrsdezernent des Landratsamtes Rems-Murr, Mascha Brost (DLR), Thomas Knöller, Abteilungsleiter des Bereiches „Planung“ beim VVS, LaMit einer öffentlichen Abschlussveranstaltung sowie der gleichzeitigen Eröffnung einer Ausstellung zum Thema „Fahrzeugkonzepte“ ist am vergangenen Freitag das Reallabor-Projekt zu Ende gegangen. Fast kein Platz im Großen Sitzungssaal des Rathauses am Marktplatz ist leer geblieben - so groß war der Andrang zur öffentlichen Abschlussveranstaltung des Reallabor-Projektes. Alle waren gespannt auf die Ergebnisse des Projektes und auf die Beantwortung der Frage: „Wie geht es mit dem flexiblen Busbetrieb weiter“?

Eines sei vorweggenommen: Die Ergebnisse können sich sehen lassen. Sowohl mit Blick auf den Ressourcenverbrauch, den Emissionsausstoß als auch mit Blick auf die Nutzerakzeptanz hat sich das Reallabor-Projekt positiv entwickelt. Bis dahin war es jedoch ein weiter Weg. Gut drei Jahre lang arbeitete die Stadtverwaltung Schorndorf gemeinsam mit dem örtlichen Busbetreiber Knauss Linienbusse, den Schorndorfer Bürgerinnen und Bürger, dem Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart (VVS), den Hochschulen Stuttgart und Esslingen sowie dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt an einem Konzept für ein bedarfsgerechtes, flexibles Bussystem. Stand zu Beginn des Projektes noch die Frage im Raum, welche Bedürfnisse die Busfahrgäste haben und welche Anforderungen so ein flexibles Konzept erfüllen sollte, ging es ab März 2018 ganz konkret um die praktische Umsetzung des flexiblen Busbetriebes. Hierbei wurde Neuland betreten, denn in keinem anderen Projekt Europas wurde jemals ein flexibles Bussystem in den regulären ÖPNV integriert. Dies ist ein Alleinstellungsmerkmal des Reallabor-Projektes. Um diese Integration umzusetzen, wurden in Schorndorfs Südstadt zwei reguläre Linien (die Linien 247 und 242) freitagabends und am Wochenende durch den flexiblen Busbetrieb ersetzt. Fortan galt es für die Fahrgäste aktiv zu werden und den Bus zu buchen, damit er kommt. Lediglich am Bahnhof war es noch möglich spontan in den Bus einzusteigen. An allen anderen Haltestellen fuhr der Bus fortan nur noch wenn er auch wirklich dahin bestellt wurde. Möglichkeiten, um den Bus zu bestellen gab es viele: Eine eigens für das Reallabor-Projekt entwickelte Handy-App, die Buchungsoption über die VVS-Webseite, die telefonische Bestellhotline sowie die Busbestellung über einen der 14 Kooperationspartner, die sich dazu bereiterklärt hatten, den Bus bei Bedarf für ihre Gäste zu bestellen, wie zum Beispiel die Stadtbücherei oder das Oskar Frech SeeBad.

Flexibilität

Noch bis Mitte Februar ist die Ausstellung rund um Mobilität im Rathaus am Marktplatz zu sehen.Hatten die Fahrgäste den Bus bestellt, so konnten sie sich an der Flexibilität des bedarfsgerechten Busbetriebes erfreuen: Denn im flexiblen Betrieb gab es zusätzlich zu den regulären Haltestellen der Südstadt 206 virtuelle Haltepunkte, die potenziell als Ein- und Ausstiegsorte genutzt werden konnten. Hierdurch ließen sich Fußwege erheblich verkürzen. Auch war es im flexiblen Betrieb möglich, ohne umzusteigen aus Schorndorfs Westen in den Osten zu gelangen. Darüber hinaus konnte der Bus nun alle halbe Stunde genutzt werden, was insbesondere sonntags, eine erhöhte Verfügbarkeit der Busverbindung darstellte. Die Erprobung des flexiblen Busbetriebes erfolgte von März bis Dezember 2018, insgesamt also zehn Monate lang. In diesem Zeitraum nutzten mehr als 10.000 Fahrgäste die flexiblen Kleinbusse, im Schnitt waren es circa 250 Personen pro Wochenende.

65 Prozent der Busbuchungen gingen über die Smartphone-App ein. Von diesen konnten wiederum 96 Prozent positiv beschieden werden, das heißt, es konnte in 96 Prozent der Fälle eine verfügbare Fahrt angeboten werden. Wurde eine Fahrt gebucht, so versuchte ein hinterlegter Algorithmus, alle Buchungsanfragen zu bündeln und zu sinnvollen Routen zu kombinieren. Auf diese Art und Weise sollten unnötige Fahrten eingespart werden. Hatte niemand gebucht, blieb der Bus stehen, denn Leerfahrten galt es ebenfalls zu vermeiden. Das hieraus resultierende Ergebnis: Im Vergleich zum Linienbetrieb konnten zehn Prozent der Fahrzeugkilometer und 20 Prozent der möglichen Bus-Umläufe eingespart werden. Hierdurch verringerte sich der Ressourcenverbrauch und den Ausstoß von Emissionen erheblich.

Noch bis Mitte Februar ist die Ausstellung rund um Mobilität im Rathaus am Marktplatz zu sehen.Aber natürlich sah es im Reallabor-Projekt nicht von Anfang an nach Erfolg aus. Das Projektteam bewegte sich auf Neuland, Erfahrungswerte gab es nicht und so war insbesondere der Start des flexiblen Betriebes im März mit einem Totalausfall des Buchungssystems mehr als holprig. Aber schnell zeigte sich: Die im Projekt anvisierte intensive Kommunikation mit der Bürgerschaft und den Fahrgästen lohnte sich und sorgte dafür, dass sich das System stetig verbesserte. Hierfür wurde eigens eine Bürgersprechstunde im Rathaus eingerichtet, die Bürgerinnen und Bürger konnten in insgesamt drei Workshops ihre Interessen nennen und Anregungen kundtun, es wurden verschiedenste Informationsmaterialien aufbereitet und auch auf Wochenmärkten oder Veranstaltungen zeigte sich das Projektteam jeweils offen für die Anregungen aber auch für die Kritik seitens der Bürgerschaft. Denn klar ist: Ein derartiges Projekt lebt von und mit den Bürgerinnen und Bürgern. Rückmeldungen zum Projekt wurden stets dankbar aufgenommen und Verbesserungsvorschläge zur Umsetzung geprüft. Vieles, was die Bürgerinnen und Bürger an Rückmeldungen gaben, wurde umgesetzt. Seien es Veränderungen an der Oberfläche der Handy-App, Anregungen zu den Einsatzzeiten der Busse oder aber zur Gestaltung der Informationsmaterialien. Mascha Brost vom Deutschen Zentrum für Luft und Raumfahrt, die das Reallabor-Projekt geleitet hat, resümiert: „Die Kommunikation im Reallabor-Projekt war sehr wichtig. Durch die intensive Einbindung der Bürgerinnen und Bürger fand ein gegenseitiger Lernprozess statt. Die Menschen vor Ort haben das Reallabor-Projekt maßgeblich mitgestaltet.“ In Summe führte das alles dazu, dass das System zuverlässiger wurde und die Akzeptanz bei den Fahrgästen stieg. Dies wurde auch durch zwei im Einsatzzeitraum der flexiblen Busse durchgeführten Befragungen bestätigt: Äußerten sich im Mai 2018 nur rund 34 Prozent der Fahrgäste zufrieden mit dem flexiblen Betrieb, so waren es im Oktober bereits 50 Prozent.

Akzeptanz braucht Zeit

Wissenschaftliche Studien belegen immer wieder, dass Veränderungen und Anpassungen im Straßenverkehr Jahre benötigen, um eine entsprechende Akzeptanz bei den Fahrgästen zu finden. Und auch eine der Testnutzerinnen des flexiblen Bussystems, Sabine Reichle meinte bei der Abschlussveranstaltung am vergangenen Freitag: Es hat gedauert bis man die Vorteile des Reallabor-Busses erkannt hat. Mit der Zeit haben sie und ihre Tochter jedoch entdeckt, dass insbesondere samstagnachts die Verfügbarkeit der kleinen Busse sehr angenehm war und die beiden fuhren häufig und gerne mit den Bedarfsbussen. Für eine zumeist angenehme Atmosphäre im Bus sorgten hierbei auch die Busfahrer. Überhaupt die Busfahrer: Hätten die sich nicht auf das Projekt eingelassen und so manche Probleme pragmatisch und eigenständig gelöst, wäre vieles schwieriger geworden. Den Busfahrern gilt daher auch ein besonderer Dank, findet Oberbürgermeister Matthias Klopfer. Kristian Ladesic, der Fahrdienstleiter und Busfahrer bei der Firma Knauss Linienbusse ist, winkt ab. Er ist sehr gerne die flexiblen Kleinbusse gefahren, brachen diese doch endlich die Monotonie, die der Linienbetrieb mit sich bringt auf. Darüber hinaus freut sich der Busfahrer darüber, dass er durch den flexiblen Einsatz der Kleinbusse die Straßen Schorndorfs so gut wie seine eigene Westentasche kennengelernt hat. Und auch sein Kollege Kurtulus Karatas pflichtet ihm bei. Das Reallabor-Projekt habe viel Positives bewirkt: Endlich kamen die Busfahrer einmal mit den Fahrgästen ins Gespräch. Richtig nette Bekanntschaften hätten sich daraus ergeben.

Wichtige Erkenntnisse

Alles in allem also das Reallabor-Projekt eine Erfolgsgeschichte? Nicht ganz. Denn Dr. Peter Zaar, Verkehrsdezernent des Landratsamtes Rems-Murr, gibt zu bedenken, dass das Reallabor-Projekt nur im Rahmen einer Experimentierklausel genehmigt werden konnte. Das heißt, der Gesetzgeber sieht gegenwärtig solch ein flexibles Projekt im Rahmen seiner rechtlichen Bestimmungen eigentlich nicht vor und wenn doch, dann nur in Form eines zeitlich beschränkten Experimentes. Oberbürgermeister Matthias Klopfer erklärt daher auch bei der Abschlussveranstaltung des Reallabor Projektes: „Das Reallabor-Projekt war unglaublich spannend und innovativ. Wir haben sehr viel gelernt. Aber die Linienkonzessionen sind jetzt erstmal für die nächsten acht Jahre vergeben. Diese Zeit wollen wir nutzen, um die Mobilität in Schorndorf neu zu denken. Ich würde mich freuen, wenn Schorndorf in Zukunft eine Stadt ist, deren Bild nicht nur durch Autos, sondern insbesondere durch einen attraktiven ÖPNV, Fußgänger und Radfahrer geprägt ist.“ Thomas Knöller, Abteilungsleiter des Bereiches „Planung“ beim Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart pflichtet bei und ist sich sicher, dass das Reallabor-Projekt ein Meilenstein der Mobilitätswende ist. Für ihn ist die Zukunft des ÖPNVS digital. Er und der VVS hätten im Reallabor-Projekt wichtige Erkenntnisse gesammelt und seien stolz, ein Teil dieses Projektes gewesen zu sein. Und auch Frau Professorin Dr. Barbara Lenz vom Deutschen Zentrum für Luft und Raumfahrt ist sich sicher: „Wir werden in einigen Jahren noch sehr viel mehr von den Dingen hören, die hier in Schorndorf erforscht wurden“. Für sie als Leiterin des Instituts für Verkehrsforschung sei klar, dass der Öffentliche Personennahverkehr in Zukunft flexibler und digitaler sein wird. Wichtig ist es hierbei für sie, die Menschen „mitzunehmen“ und deren Anregungen ernstzunehmen. Somit stellt Professorin Lenz auch fest, dass das Reallabor-Projekt kein rein technisches Projekt, sondern ein von „Menschen getragenes“ Projekt war, ihr besonderer Dank gelte daher auch den Bürgerinnen und Bürgern der Stadt Schorndorf.

Mit dem Aspekt „Zukunft der Mobilität“ hat sich im Reallabor-Projekt insbesondere auch die Hochschule Esslingen befasst. Gemeinsam mit Studenten und Schorndorfer Bürgerinnen und Bürgern wurde überlegt, wie ein Fahrzeugkonzept der Zukunft aussehen könnte. Schnell war klar: Die Fahrzeugkonzeption der Zukunft sollte sich auf die Kriterien Nutzenorientierung, Barrierefreiheit, große Multifunktionsfläche, autonomer Fahrbetrieb und batterieelektrischer Antrieb konzentrieren. Aus Diskussionspunkten wurden hierbei schnell Ideen, aus Ideen schließlich Modelle. Diese können interessierte Besucherinnen und Besucher nun im Rahmen einer Ausstellung zu den regulären Öffnungszeiten des Schorndorfer Rathauses am Marktplatz 1 bis einschließlich 17. Februar ansehen.